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Ralf Hütter & Co. gastierten im Leipziger „Haus Auensee“

Audiovisuelles Meisterwerk: Die 3-D-Show von Kraftwerk

Mittwoch, 23 Dezember 2015 22:58
Kraftwerk im "Haus Auensee" in Leipzig Kraftwerk im "Haus Auensee" in Leipzig Quelle: SACHSEN DEPESCHE

Leipzig – In seiner Bandbiografie „Neonlicht“ beschreibt Pascal Bussy die deutschen Elektro-Pioniere von Kraftwerk als ein musikalisches Projekt, das jeden Fortschritt in der Instrumententechnik bereitwillig aufgenommen und weiterentwickelt hat. Zugleich habe die Gruppe auch thematisch stets den Finger am Puls der Zeit gehabt und Entwicklungen vorausgesehen, die weit in die Zukunft wiesen. Tatsächlich gibt es wohl keine andere Gruppe, die die Entwicklung der modernen Popkultur dermaßen beeinflusst hat. Vor nunmehr 45 Jahren in Düsseldorf gegründet, begründeten Kraftwerk nicht nur den Elektro-Pop, sondern waren auch Geburtshelfer des Techno und anderer Musikstile.

Ein eindrucksvoller Beleg dafür, welcher Popularität sich Kraftwerk auch heute noch erfreuen, waren ihre insgesamt vier in kürzester Zeit ausverkauften Auftritte Anfang Dezember in Leipzig. Mit ihrer phänomenalen 3-D-Show, die 2012 im New Yorker Museum of Modern Art (MoMa) uraufgeführt wurde, gastierte die Gruppe um den medienscheuen und introvertierten Visionär Ralf Hütter, der im kommenden Jahr seinen siebzigsten Geburtstag feiert und als einziges Mitglied der Urbesetzung noch heute dabei ist, an zwei Tagen im „Haus Auensee“.

Mehr als zwei Stunden lang entführten Kraftwerk das mit 3-D-Brillen ausgestattete Publikum – die Spanne reichte vom 20-jährigen Studenten bis zum gesetzten Mittsechziger – auf eine von Video-Projektionen und Stroboskop-Effekten gestützte Zeitreise in die Vergangenheit, in der ihre Ideen noch Zukunftsvisionen waren. Dementsprechend hatte das Konzert trotz modernster Technik auch einen stark retrospektivischen, fast schon musealen Charakter, der sich etwa darin äußerte, dass der legendäre Schnellzug TEE zum gleichnamigen Lied in einer neonartigen Animation auf das Publikum zurollte oder alte Käfer- und Daimler-Modelle zu „Autobahn“ über die Fahrbahn rauschten. Es ist nicht übertrieben, wenn man die Leipziger Kraftwerk-Auftritte zu den absoluten Kulturhöhepunkten zählt, die die Pleißestadt in diesem Jahr erlebte.

Die Geschichte von Kraftwerk begann 1970 im legendären Düsseldorfer Kling-Klang-Studio, das Ralf Hütter und sein Freund Florian Schneider in den Räumlichkeiten einer früheren Werkstatt eingerichtet hatten. Die beiden Musiker kannten sich von gemeinsamen Kursen an der Akademie Remscheid und hatten bereits den Vorläufer von Kraftwerk, eine Gruppe namens Organisation, ins Leben gerufen. Hütter spielte zunächst Orgel und Percussionsinstrumente, Schneider, der an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf eine klassische Musikausbildung absolvierte und später in Köln Musikwissenschaften studierte, war für Flöte, Geige und die ersten Elektronikelemente zuständig. Der französische Musikjournalist Pascal Bussy bezeichnet das damalige Studio mit seinem „fabrikmäßigen Ambiente“ in seinem Buch als „ein Labor, in dem die Musiker dem Anschein nach eher wissenschaftlich als künstlerisch arbeiten“ und nennt die täglichen Zusammenkünfte von Hütter und Schneider „eine Suche nach einer Art klanglicher Vollkommenheit“.

Die ersten Veröffentlichungen, die Kraftwerk in wechselnder Besetzung herausbrachten, waren hauptsächlich akustisch eingespielt und wurden dem sogenannten „Krautrock“ zugerechnet. Diese Bezeichnung spielte auf das abwertende „Krauts“ an, mit denen die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg deutsche Soldaten titulierten, geht aber wohl ursprünglich auf den britischen Radiomoderator John Peel zurück, der durch das Stück „Mama Düül und ihre Sauerkrautband“ auf dem ersten Album „Psychedelic Underground“ (1969) von Amon Düül, den bekanntesten Vertretern des Genres, zu dieser Wortschöpfung inspiriert wurde. Der „Krautrock“ kann als ein profundes Beispiel für die Wiederbelebung der deutschen Romantik in der modernen Kultur bezeichnet werden. Die Gruppen wählten etwa an Hölderlin und Novalis orientierte Titel und vertonten deren Texte, Festivals fanden bevorzugt in Burgen und Burgruinen statt.

Erst mit ihrem vierten Album „Autobahn“ vollzogen Kraftwerk 1974 einen kompletten Wechsel zur elektronischen Musik, der fortan durch den kühlen, scheinbar emotionslosen Sprechgesang Ralf Hütters geprägt wurde. Hütter war es auch, der von Anfang an großen Wert auf den „deutschen Charakter“ der Band legte und den US-amerikanischen Einflüssen auf die Popkultur in Deutschland etwas entgegensetzen wollte. Hierzu erklärte er einmal in einem seiner raren Interviews: „Nach dem Krieg war die deutsche Unterhaltungsindustrie zerstört. Die Menschen in Deutschland waren ihrer Kultur beraubt worden und bekamen einen amerikanischen Kopf aufgesetzt. Ich denke, dass wir die erste Generation nach dem Kriege sind, die ihn abgeschüttelt haben und wissen, hier ist die amerikanische Musik und da ist unsere eigene. Wir können nicht verleugnen, dass wir aus Deutschland kommen.“

Mit „Autobahn“, dessen über 22 Minuten langes Titelstück bis heute zu den bekanntesten der Gruppe zählt, schafften Kraftwerk auch international den Durchbruch. In vielen Ländern Europas, aber auch in Amerika, übte der neuartige, Klang der Musik eine große Faszination auf die Hörer aus, das Album wurde mit mehreren Goldenen Schallplatten ausgezeichnet. Der Erfolg setzte sich mit den folgenden Alben „Radio-Aktivität“ (1975), „Trans Europa Express“ (1977) und „Die Mensch-Maschine“ (1978) fort, die nun jeweils auch in einer englischsprachigen Version für den internationalen Markt veröffentlicht wurden.

Der Titel „Radioaktivität“ behandelte in seiner Ursprungsversion die Entdeckung der radioaktiven Strahlung von Uranverbindungen durch die polnisch-französische Physikerin Marie Curie vollkommen wertneutral. Die heute bekannte, atomkraftkritische Version entstand erst nach dem AKW-Unfall von Tschernobyl im Jahr 1986. Charakteristisch für das Stück ist die Aufzählung von Orten bekannter AKW-Störfälle (Tschernobyl, Harrisburg, Sellafield) und des 1945 atomar vernichteten Hiroshima durch eine monotone Computerstimme. Musikalisch prägend für „Trans Europa Express“ – benannt nach dem TEE, der von 1957 bis 1987 zwischen mehreren Hauptstädten Europas verkehrte und seinerzeit als eines der modernsten Verkehrsmittel galt – wie auch für die weitere Entwicklung der Band war die Verwendung neuartiger Sequenzer, die eigens für Kraftwerk angefertigt wurden und die ständige Wiederholung vorbestimmbarer Klangmuster ermöglichten.

Bei den Veröffentlichungen von Kraftwerk handelte es sich stets um Konzeptalben, die sich jeweils einem oder mehreren Themen aus der Welt von Naturwissenschaft und Technik widmeten. Auch „Die Mensch-Maschine“ mit dem gleichnamigen Titelstück oder Liedern wie „Das Model“ und „Die Roboter“ folgte dieser Tradition und setzte sich – auch kritisch – mit damaligen Zukunftsthemen wie Raumfahrt, Robotern, der Entwicklung der modernen Großstadt und allgemein einer von Technik und Konsum dominierten Welt auseinander. Als Inspirationsquelle diente Hütter vor allem der expressionistische Stummfilmklassiker „Metropolis“ von Fritz Lang aus dem Jahr 1927.

Waren Kraftwerk mit ihren Alben der 1970er Jahre so etwas wie die Vorreiter elektronischer Popmusik, ohne die etwa eine später überaus erfolgreiche Band wie Depeche Mode kaum vorstellbar wäre, säten sie mit ihrem 1981 veröffentlichten Album „Computerwelt“ den Keim, aus dem wenig später die Techno-Musik sprießen sollte. Als eine Art Synthese der beiden Stilrichtungen kann das Folgealbum „Electric Café“ (1986) angesehen werden. Dass sie sich bei Auftritten nun teilweise von originalgetreuen Robotern vertreten ließen, war im Sinne ihrer künstlerischen Gesamtkonzeption nur konsequent. Auch im Leipziger „Haus Auensee“ gaben sich nach dem ersten Vorhang die Roboter-Dummys die Ehre und läuteten eine etwa 25-minütige Zugabenrunde ein. Mit „Tour de France“ aus dem Jahr 2003 veröffentlichten Kraftwerk – anlässlich des 100-jährigen Bestehens des bedeutendsten Radrennens der Welt – ihr bislang letztes Studioalbum. Dieses Motiv geht ebenfalls auf Hütter zurück, der ein begeisterter Radsportler ist.

Auch wenn Kraftwerk von ihrer Vergangenheit zehren, könnten ihre Konzerte kaum zeitgemäßer sein. Ihre in Leipzig gezeigte 3-D-Show war ein audiovisuelles Meisterwerk, in dem die Akteure auf der Bühne – neben Bandgründer Hütter sind dies Henning Schmitz, Fritz Hilpert und Falk Grieffenhagen – mit der Optik regelrecht verschmolzen. Dass die Musiker während des Auftritts hinter ihren wie Raumschiffkonsolen wirkenden Pulten zur Klangerzeugung – bis auf gelegentliches Fußwippen – statisch verharrten, tat der Begeisterung beim Publikum keinen Abbruch. Im Gegenteil: Auch das ist eben typisch Kraftwerk.

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