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Elektro-Szene traf sich im Erzgebirge

„Lauter Krach Festival“: Der Name ist Programm

Dienstag, 17 November 2015 05:40
P.A.L. beim "Lauter Krach Festival" P.A.L. beim "Lauter Krach Festival" Quelle: Lauter/Erzgebirge/SACHSEN DEPESCHE

Lauter – Über das beschauliche Lauter im Erzgebirge fegte am 6. und 7. November ein elektronisches Stahlgewitter hinweg, auch wenn die meisten Bewohner des zwischen Aue und Schwarzenberg gelegenen 4.700-Seelen-Ortes davon kaum etwas mitbekommen haben dürften. Gewissermaßen im Auge des Orkans befand sich das örtliche Kulturhaus, wo die FDJ einst zu Tanzveranstaltungen einlud. Der spröde Charme der DDR ist dem Bau im Jugendherbergsstil auch heute noch anzumerken und bot eine vortreffliche Kulisse für das dort bereits zum zweiten Mal veranstaltete „Lauter Krach Festival“.

Der Name ist Programm: Wo sonst Hochzeitsgesellschaften oder Geburtstagsgäste verköstigt werden, fand sich am ersten Novemberwochenende eine illustre Schar von Elektro-Fans ein, um sich durch bekannte und weniger bekannte Acts aus den Bereichen Industrial, Noise, Dark Ambient, Harsh Electro und Powerelectronics beschallen zu lassen. Übersteuerte Synthesizer, dröhnende Beats und technoide Klänge rüttelten an zwei Abenden nicht nur die Gehörgänge ordentlich durch.

Kennzeichnend für diese extremen Spielarten der elektronischen Musik ist die weitgehende bis vollständige Ersetzung klassischer Kompositionselemente durch Geräusche, wobei, je nach Interpret, auch mehr oder minder auf herkömmliche Melodiestrukturen verzichtet wird. Im Vordergrund steht der Rhythmus, der mal dem Stampfen einer Marschformation, mal dem monotonen Hämmern der Maschinen in einer Industrieanlage gleicht. Den Hörgewohnheiten eines Massenpublikums entspricht diese „Klangbildhauerei“ nicht, daher fallen entsprechende Konzertveranstaltungen im deutschsprachigen Raum immer etwas kleiner aus und sind sympathisch unkommerziell. In Japan, vor allem in Tokio und Osaka, den Hochburgen der Szene, ist das ganz anders. Dort füllen Noise- und Power-Elektroniker wie Merzbow oder Hanatarash große Hallen.

Auf dem Spielplan in Lauter standen neben Newcomern wie Supersimmetria, Letzte Ausfahrt Leben, Waldrick und X0KS auch Szenegrößen wie Winterkälte, KIEW, P.A.L. oder Greyhound. Einen ihrer seltenen Auftritte absolvierte auch die quirlige DJane Ina Peters alias Frl. Linientreu, deren Repertoire von melodiöser Musik und Minimalelektro bis zu gnadenlosem EBM-, Noise- und Schranz-Geballer reicht. Die gebürtige Ostfriesin mit Kurzhaarfrisur und schwarzer Brille ist seit 2001 am Start, 2007 debütierte sie als Frl. Linientreu in der Öffentlichkeit, ein Jahr später erschien ihr erstes Album „Echtzeit“ beim Label Le Petit Machiniste. Ihren Durchbruch in der Szene schaffte sie 2010 mit der bei Ant-Zen veröffentlichten CD „Lifelines“, für Ende 2015 ist ihr drittes Album angekündigt, das den Titel „Transformation“ tragen soll.

Neben Nullvektor und dem wie immer skurrilen Auftritt von Marita Schreck mit überdimensionalem Puppenkopf, die (eigentlich „der“, denn hinter der abgefahrenen Kunstfigur verbirgt sich mit dem Jenaer Elektro-Musiker Heiko Schleßier ein Herr der Schöpfung) diesmal zu ihrem (seinem) bekanntesten Stück „Full Metal Jacket“ aus einer Art Laserkanone ins Publikum feuerte, gehörte die Darbietung von Frl. Linientreu zweifelsohne zu den Höhepunkten des „Lauter Krach Festivals“ – für einige der männlichen Besucher wohl auch optisch, denn die schmachtenden Blicke, die manch einer der jungen, attraktiven Frau mit den vielen Tattoos während ihres Auftritts zuwarf, waren doch vielsagend.

Ein weiteres Highlight war das Konzert der stilprägenden Szeneveteranen von Winterkälte. Das von Eric de Vries und Udo Wiessmann gegründete Projekt aus Oberhausen entwickelte schon Anfang der 1990er Jahre jenen Sound, der heute als Rhythm’n’Noise bekannt ist. Vier Alben haben Winterkälte bislang auf Wiessmanns eigenem Label Hands herausgebracht: 1994 „Winterkälte“ (1996 als „First Album“ in verbesserter Qualität wiederveröffentlicht), 1997 „Structures Of Destruction“, 1999 „Drum 'N' Noise“ und 2004 „Disturbance“. Wie bei so vielen Acts der Szene sind die Live-Auftritte der Formation wesentlich eindrucksvoller als die Musik aus der Konserve. Auch in Lauter boten Wiessmann und de Vries dem Publikum eine ihrer sattsam bekannten energiegeladenen Performances mit noisiger, gerade noch tanzbarer Geräusch-Musik, bei denen flirrende Distortion-Sounds mit industriellen Beats zu gewaltigen Klangwällen verschmelzen.

Das gesamte Festival war gut durchorganisiert, so dass sich die angereisten Elektro-Fans gut aufgehoben fühlen konnten. Wer seinen malträtierten Ohren zwischen den beiden Konzertabenden etwas Erholung gönnen und seinen Tinnitus aus den Gehörgängen vertreiben wollte, konnte tagsüber an der frischen Luft die herrliche Erzgebirgslandschaft genießen oder bei einem der urigen Gasthöfe in der Umgebung einkehren. Einziges Manko war die Verpflegung im Kulturhaus selbst. Statt einer regionalen Biersorte wurde Großkonzern-Bier einer bekannten Brauerei aus Bremen ausgeschenkt, was den Anti-Kommerz-Ansatz der Veranstalter doch ein wenig konterkarierte. Auch das Speisenangebot war recht übersichtlich. Neben Wiener Würstchen oder panierten Fertigschnitzeln mit Brot gab es lediglich ziemlich durchgekochte Nudeln mit einer vegetarischen Bolognese, die die Geschmacksnerven nicht wirklich zu kitzeln wusste. Hierfür gibt es einen kleinen Abzug in der B-Note, der den Machern des ansonsten hervorragenden „Lauter Krach Festivals“ Ansporn sein sollte, sich im nächsten Jahr noch ein Stück weit zu verbessern.

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