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Ausstellung in der KunstHalle der Deutschen Bank

„Energy Made Visible“: Jackson Pollocks „Mural“ in Berlin

Sonntag, 27 Dezember 2015 20:27
Jackson Pollock "Mural" (Öl u.a. auf Leinwand, 1943) Jackson Pollock "Mural" (Öl u.a. auf Leinwand, 1943)

Berlin – Die KunstHalle der Deutschen Bank in Berlin zeigt derzeit im Rahmen ihrer Ausstellung „Energy Made Visible“ mit „Mural“ des amerikanischen Künstlers Jackson Pollock ein Bild, das nicht nur als eines der bedeutendsten der Moderne gilt (manche sprechen sogar vom „Urknall der Moderne“), sondern mit über sechs Metern Länge und 2,50 Metern Höhe auch eines der größten ist. Sechs Monate lang arbeitete der damals noch weitgehend unbekannte Pollock 1943 an dem „Action Painting“, das die New Yorker Kunstsammlerin Peggy Guggenheim, die 1941 zusammen mit Max Ernst von Frankreich in die USA emigriert war, für den Eingangsbereich ihres Apartments in Manhattan in Auftrag gegeben hatte. Als es fertig war, nannte es sein Schöpfer „ziemlich groß, aber höllisch aufregend“.

Dass die Entstehung des abstrakten Gemäldes alles andere als unkompliziert war, ist durch zahlreiche Anekdoten belegt. Sogar die Installation geriet aufgrund der schwierigen Persönlichkeit des Künstlers zum Eklat, wie die „Berliner Morgenpost“ zu berichten wusste: „Ein bisschen Mythos gibt es dann doch, als Pollock das Bild im Winter 1943 endlich aufhängen wollte, drehte er durch und nervte Mrs. Guggenheim, sie soll ihm, verdammt noch mal, endlich helfen. Da hatte er wieder mal etliche Flaschen intus, platzte splitternackt in eine Party. Schließlich packten Marcel Duchamp und ein Handwerker mit an.“

Nach ihrer Rückkehr nach Europa Anfang der 1950er Jahre schenkte Guggenheim „Mural“ der Universität von Iowa. Seitdem wurde es nur noch selten ausgestellt. In Berlin wird es nun mit Werken anderer bedeutender Künstler der Moderne wie Pollocks Ehefrau Lee Krasner, Robert Motherwell oder Andy Warhol gezeigt und in einen Zusammenhang mit dem monumentalen „Action Painting“ gestellt. Laut „Tagesspiegel“ ist die Schau auch „eine Verbeugung gegenüber dem Guggenheim-Museum“, das bis vor drei Jahren Galeriepartner der Deutschen Bank war.

Die Galeristen der KunstHalle erläutern zu „Mural“ an: „Mitten im vom Zweiten Weltkrieg traumatisierten 20. Jahrhundert erschien Pollocks monumentales Wandgemälde wie ein Tor, durch das der Abstrakte Expressionismus Einzug hielt. Die semi-abstrakten Figurationen und flackernden Formen, die Pollock zuvor erprobt hatte, entfalten sich hier erstmals in radikaler Freiheit und mit kühner Selbstgewissheit. Auf der enormen Fläche von ‚Mural‘ – der größten Leinwand, die Pollock jemals bearbeitete – fand er zu sich selbst, zur großen Geste und zur explosiven Kraft seiner Drip Paintings, mit denen er 1947 begann.“

Jackson Pollock, geboren 1912 in Cody (Wyoming) und gestorben 1956 in East Hampton (New York), gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des abstrakten Expressionismus und Begründer des „Action Paintings“, bei dem die Farbe scheinbar willkürlich auf die Leinwand gestrichen, geschüttet oder gespritzt wird. Unter dem Eindruck des Farbenspiels des katalanischen Malers Miró, der Surrealisten, aber auch der Schriften des Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung und seiner Archetypenlehre entwickelte der Amerikaner, der Zeit seines Lebens nie in Europa war, seit Anfang der 1940er-Jahre ein aus dem Unter- oder Unbewussten schöpfendes Element seiner Malerei.

Interessant ist ein weiterer Einfluss auf sein Werk, nämlich die totemistische Zeichenwelt indianischer Mythologien. Pollock ließ sich von den Navajo-Indianern in New Mexico inspirieren, die er mehrfach besuchte und deren Kunst er verehrte. Die Sandbilder der Navajos lernte er erstmals während eines Besuches der Ausstellung „Indian Art of the United States“ 1941 im New Yorker Museum of Modern Art kennen. Dass diese Form indianischer Kunst in Amerika einen größeren Bekanntheitsgrad erlangte, ist vor allem den Referenzen Pollocks zu verdanken.

Der Respekt beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit. Später verwendete der Navajo-Künstler Jo Ben Junior ein Pollock-Bild für seine eigenen Sandmalereien, ohne damit jedoch Zugang zu den großen Galerien und Museen zu bekommen. Iris Därmann, Professorin für Geschichte der Kulturtheorien am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität, wies darauf hin, dass sich die Auseinandersetzung mit indianischer Kunst für Pollock jedoch nicht nur maltechnisch, sondern auch konzeptionell als prägend erwies: Die Aneignung der Sandmalerei und indianischer Totem-Kulte habe dem Künstler die Entwicklung einer „autonomen Form“ ermöglicht.

Die Tageszeitung „Die Welt“ würdigte den Indianer-Freund und abstrakten Künstler Jackson Pollock im Jahr 1961 mit den Worten: „Dieser Mann hat sich durch alles hindurchgewirbelt, heftig und glühend. Er hat Picasso und Klee studiert, Masson und Mirò, die indianische Volkskunst, die Mythologie, die Psychologie. Er hat den Zufall eingelassen, auf dem Boden gemalt, immer wilder experimentiert und immer schärfer den technischen Vollzug des Malens durchexerziert. Er hat abstrakt und kubistisch, gegenständlich und geometrisch gemalt, surrealistisch und sehr verspielt". Seine letzten Bilder gestaltete Pollock allerdings hauptsächlich in Schwarz‐Weiß.

Die Ausstellung „Energy Made Visible“ mit Jackson Pollocks „Mural“ im Mittelpunkt ist noch bis zum 10. April 2016 in der KunstHalle der Deutschen Bank in Berlin, Unter den Linden, zu besichtigen. Danach geht das Werk in einer 1,5 Tonnen schweren Klimakiste auf Europareise und wird noch in Venedig und Málaga zu sehen sein.

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