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Zur Erinnerung an die legendäre Sängerin von „Silly“

„Ein Höchstmaß an Freiheit“: Vor 20 Jahren verstarb Tamara Danz

Sonntag, 17 Juli 2016 00:04
Cover der Tamara-Danz-Biographie von Alexander Osang (1997) Cover der Tamara-Danz-Biographie von Alexander Osang (1997) Quelle: Ch. Links Verlag

Dresden – Am 22. Juli 1996 verstarb Tamara Danz im Alter von nur 43 Jahren in Berlin. Die Rocksängerin verkörperte mit der Band „Silly“ die vielleicht gelungenste Synthese einer durch politische Rahmenbedingungen erzwungenen Ausprägung DDR-typischer Rockmusik und deren selbstbewusster Infragestellung. Dabei war nicht „der Westen“ das Ziel, sondern vielmehr das „Höchstmaß an Freiheit, das in der DDR überhaupt möglich war“, so Danz nach dem Mauerfall in einem Aufsatz. In diesem Sinne hoben sich Band und Sängerin, die internationale Vergleiche keineswegs zu scheuen brauchten, deutlich vom kulturpolitisch instrumentalisierten Staatsrock á la „Puhdys“ und „Karat“ ab und wurden zum Inbegriff von Sehnsucht und Lebensgefühl junger Menschen während der letzten zehn Jahre der DDR.

Als Tochter einer Kindergärtnerin und eines Maschinenbauingenieurs, der später als Botschafts- und Handelsrat auf dem Balkan tätig war, wurde Tamara Danz am 14. Dezember 1952 im thüringischen Winne (Breitungen) geboren. Einen Teil ihrer Kindheit verbrachte sie in Bulgarien und Rumänien. In Ostberlin besuchte Tamara die Erweiterte Oberschule, wo sie 1971 das Abitur ablegte und in einer Schülerband spielte. Ein Dolmetscherstudium brach sie nach kurzer Zeit ab. Während ihre Bewerbung an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ erfolglos blieb, sang die junge Frau bei mehreren Bands, darunter dem „Oktoberklub“, von 1973 bis 1976 dann bei der renommierten „Horst Krüger Band“.

Zur „Familie Silly“, die sich 1980 in „Silly“ umbenannten, stieß die Sängerin 1978. Mit dem originellen Rockpoeten Werner Karma entwickelten „Silly“ ein unverwechselbares Profil, dokumentiert in drei großartigen LPs: „Mont Klamott“ (1983), „Liebeswalzer“ (1985), „Bataillon d’amour“ (1986). Die Band setzte musikalisch Maßstäbe und kultivierte einen extravaganten Habitus. Viermal wurde Danz zur „Besten Rocksängerin des Jahres“ der DDR-Musikszene gewählt. 1986 wurde sie Sängerin der Allstar-Band „Gitarreros“, wo sie den brillanten Gitarristen Uwe Hassbecker kennenlernte, der später nicht nur bei „Silly“ spielen, sondern auch Geliebter und Ehemann der Sängerin werden sollte. Mit 1,25 Millionen verkaufter Platten waren Tamara Danz und „Silly“ die erfolgreichste DDR-Band der achtziger Jahre.

1989 engagierte sich Tamara Danz als Mitinitiatorin und Erstunterzeichnerin der „Resolution von Rockmusikern und Liedermachern“ für die Zulassung oppositioneller Gruppen und politischer Reformen in der DDR. Den Aufruf „Für unser Land“, der eine selbstbestimmte Entwicklung der DDR propagierte, unterstützte sie als  Erstunterzeichnerin, arbeitete 1990 an „Runden Tischen“ mit und ließ sich von Gregor Gysi zur Mitarbeit bei den „Komitees für Gerechtigkeit“ überzeugen.

Nach dem Mauerfall folgten Konzerte unter anderem in Dänemark und den USA, ein Plattenvertrag mit der BMG scheiterte, da die Sängerin die von der Plattenfirma gewünschten „Schlagertexte“ empört zurückwies. 1993 erschien das Album „Hurensöhne“, bei dem Danz die Mehrzahl der Texte verfasst hatte, auf ihrer letzten LP „Paradies“ (1996) war sie alleinige Texterin. Zusammen mit Hassbecker und dem „Silly“-Keyboarder Ritchie Barton gründete sie 1994 das bandeigene „Danzmusik-Studio“ in Münchehofe, am Stadtrand von Berlin.

Alexander Osang hat die Biographie von Tamara Danz geschrieben (Tamara Danz. Legenden, Ch. Links Verlag: Berlin 1997). Das einfühlsame Buch zeigt die widersprüchlichen Facetten einer starken Künstlerpersönlichkeit, die sich in den – nicht minder widersprüchlichen – Porträts von Freunden, Weggefährten und Familienangehörigen spiegeln. Hier findet sich auch die Geschichte von Tamaras Krankheit, von der Krebsdiagnose im Juni 1995 über die Odyssee durch Arztpraxen und Kliniken bis zu ihrem Tod am 22. Juli 1996. Das Grab der Sängerin befindet sich auf dem kleinen Friedhof in Münchehofe, und immerhin tragen zwei Straßen, im heimatlichen Breitungen und in Berlin, heute ihren Namen.

Seit 2006 ist Anna Loos Sängerin der Band – und für „Silly“ wohl ein Glücksfall. Der gesamtdeutsche Neustart funktionierte, der Erfolg dauert bis heute an. Noch immer  entstehen außergewöhnliche Songs, und ab und an blitzen überraschende Reminiszenzen auf, glaubt man für Momente, Veronika Fischer oder gar Klaus Renft aus manchem Melodiebogen herauszuhören. Doch Loos ist singende Schauspielerin, keine Rocksängerin. Die BRD ist nicht die DDR, und sicher sind „Silly“ in einem anderen Land, nach all der Zeit, eben auch eine andere Band geworden.

Womöglich lässt die merkwürdig hausbacken erscheinende Loos-Liefers-Connection den alten Zauber einfach nicht mehr aufkommen. Vielleicht liegen die Ursachen auch tiefer, in den vergessenen Nischen, dort, wo einst die Feuer leidenschaftlicher Anteilnahme loderten, aus denen unbewusst Identität erwuchs. Und mit der zeitlichen Distanz von 20 Jahren könnte es manchem Veteranen von damals dämmern, dass die Ossis zuweilen auch so etwas wie eine Mannschaft waren, wenigstens auf einem „Narrenschiff“, wie es der „Silly“-Song „S.O.S“ von 1989 beschreibt. Und vielleicht würde die Idee jener unvergesslichen Künstlerin sogar gefallen, die vor 20 Jahren in Berlin gestorben ist.

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