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Dunkelromantische Klänge an geschichtsträchtigem Ort

„Castle Party“ in Bolkow: Ein ganz besonderes Gothic- und Darkwave-Festival

Mittwoch, 27 Juli 2016 15:14
Besucher der Castle Party (Bolkow) im Burghof, Aufnahme von 2015 Besucher der Castle Party (Bolkow) im Burghof, Aufnahme von 2015 Quelle: Valérie Cohène

Bolkow – Ab Donnerstag wird das polnische Bolkow wieder von Schwarzgewandeten bevölkert. Bereits seit 1997 findet dort jedes Jahr Ende Juli an geschichtsträchtigem Ort die sogenannte „Castle Party“ statt, ein Gothic- und Darkwave-Festival, das inoffiziell bereits den Beinamen „schlesisches WGT“ trägt. Zwar pilgern bei weitem nicht so viele Besucher nach Bolków wie jedes Jahr nach Leipzig, aber dafür nehmen immer mehr Musikfreunde aus Sachsen die Gelegenheit wahr, ein Wochenende lang die Konzerte in traumhaftem Ambiente am Fuße der Bolkoburg zu genießen und das einzigartige Flair dieses noch weitgehend unkommerzialisierten Festivals einzuatmen.

Von Görlitz dauert es gerade mal anderthalb Stunden, bis man in Bolkow, dem früheren Bolkenhain, in der Woiwodschaft Niederschlesien ist. Die Besucher bekommen auch in diesem Jahr wieder einiges geboten. Neben Szenegrößen wie den britischen Düsterrockern von Fields of the Nephilim und den deutschen Sythiepoppern von De/Vision stehen vom 28. bis zum 31. Juli unter anderem die Niederländer von Clan of Xymox, der belgische Industrial-Pionier Dirk Ivens mit seinem Projekt Absolute Body Control, die wiedergegründete deutsche Musikformation Garden Of Delight („Vorgängerband“ der Merciful Nuns, die im letzten Jahr auftraten), die legendäre britische Postpunk- und Gothic-Rock-Band Skeletal Family oder die Warschauer Dark-Rock-Kombo Closterkeller auf der „Castle“-Bühne.

Zusätzlich gibt es wieder ein Programm in einer früheren evangelischen Kirche im Ort, wo unter anderem der frühere schwedische Black-Metal-Musiker Henrik Björkk mit seinem Industrial-Projekt Nordvargr, die schwedische Death-Metal-Band In Mourning, die ebenfalls schwedische Ambient-Gruppe In Slaughter Natives, die britischen EBM-Stampfer von Alien Vampires und das Merciful-Nuns-Sideproject Near Earth Orbit auftreten werden. Nach den Konzerten auf der Burg und in der Kirche gibt es bis in die frühen Morgenstunden Partys im beliebten „Sorento Club“.

Den Stürmen getrotzt

Fernab von der Musik lohnt es, sich einmal mit der wechselvollen Geschichte der Burg zu befassen, die den Konzerten in Bolkow einen so fantastischen Rahmen bietet. Der Legende nach soll das Kastell bereits im 9. Jahrhundert existiert haben, allerdings gibt es dafür keinerlei Belege. Die erste Erwähnung der als Hain casro nostro bezeichneten Anlage findet sich 1277, zur Herrschaftszeit der Piasten. Vermutlich wurde sie um 1270 vom Liegnitzer Herzog Boleslaw II. (1217-1278) als Grenzfeste errichtet. Der Name „Bolkoburg“ geht hingegen zurück auf Bolko I. (1253-1301), der das Gebiet als Herzog von Schweidnitz und Jauer nach der Aufteilung des Herzogtums Liegnitz regierte. Unter seiner Herrschaft blühte die am Fuße der Feste gelegene Stadt Hain förmlich auf, und so, wie sein Name sich später in der Bezeichnung der Burg wiederfand, fand er auch in der Benennung der Stadt, die Bolkenhain genannt wurde, seinen Niederschlag.

Im Jahr 1347 wurde der böhmische König Karl (1316-1378) aus dem Geschlecht der Luxemburger als Karl IV. zum römisch-deutschen Kaiser gekrönt und gliederte acht Jahre später Schlesien in das Sacrum Romanum Imperium ein. Als Nebenland der Böhmischen Krone blüht der gesamte Landstrich erheblich auf. Der Handel auf der „Hohen Straße“ von Leipzig über Görlitz, Breslau und Lemberg bis zum Schwarzen Meer florierte; in vielen schlesischen Städten, so auch in Bolkenhain, entstanden repräsentative Bauten. In der Folgezeit nahmen allerdings Fehdewesen und Raubrittertum überhand, ab 1419 fielen auch noch die Hussiten in Schlesien ein und richteten schwere Verwüstungen an. Während die Stadt Bolkenhain während der Hussitenkriege (1419-1436) vollkommen zerstört wurde, blieb die Burg von dem Wüten der Gefolgsleute des zuvor als Ketzer verbrannten Reformators Jan Hus verschont.

Nachdem der Hussitenfürst Georg von Podiebrad (1420-1471) im Jahr 1448 die Macht in Böhmen an sich gerissen hatte, eroberte er 1463 auch Bolkenhain. Bereits fünf Jahre später wurde die Bolkenhainer Feste allerdings von Schweidnitzer und Breslauer Truppen eingenommen. Schließlich eroberte der Ungarnkönig Matthias Corvinus (1443-1490), der 1469 zum böhmischen König gewählt worden war, neben Mähren und der Lausitz auch Schlesien und setzte einen ungarischen Verwalter auf der Burg ein. 1591 wurde der Besitz unter Matthias von Logau in ein Erbgut umgewandelt und ging sieben Jahre später an Jakob von Zedlitz, dessen Familie es bis zum Jahr 1700 behielt.

Inspirationsquelle der Romantik

In der Zwischenzeit kam Schlesien allerdings nicht zur Ruhe. „Die Türme stehn in Glut. Die Kirch ist umgekehret. / Das Rathaus liegt im Graus. Die Starken sind zerhaun. / Danach kam es zu langen Erbstreitigkeiten und der Hauptgläubiger, das Kloster Grüssau, erwarb die Die Jungfraun sind geschändet. Und wo wir immer schaun / Ist Feuer, Pest und Tod, der Herz und Geist durchfähret“ – so beschrieb der Glogauer Dichter Andreas Gryphius (1616-1664) die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, der in die Habsburgische Epoche Schlesiens fiel und unglaubliche Verheerungen anrichtete. Schon zu Beginn des Krieges 1618 schlugen sich die schlesischen Fürsten auf die Seite der Gegner der katholischen Landesherren, ein Jahr später bildete Schlesien mit Böhmen, der Nieder- und der Oberlausitz eine Konföderation.

Es folgte die Gegenreformation ab 1620 nach der Flucht des zuvor mit Zustimmung der schlesischen Stände zum böhmischen König gewählten pfälzischen Kurfürsten Friedrich V.: Im Großteil Oberschlesiens wurde die Bevölkerung nun wieder katholisch, worunter der überwiegend evangelisch gebliebene Teil Niederschlesiens schwer zu leiden hatte. Es folgten die Feldzüge Wallensteins und des schwedischen Königs Gustav II. Adolf, dessen Soldateska, die zum größten Teil aus deutschen Söldnern bestand, Bolkenhain schwer verwüstete. Mit dem Frieden zu Münster von 1648 nahm das 30-jährige Ringen schließlich ein Ende – die Herzogtümer Liegnitz, Brieg und Oels blieben protestantisch, die Stadt Bolkenhain hatte zwei Drittel ihrer Einwohner verloren.

Mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts setze schließlich der Verfall der stolzen Burg ein, die doch alle Anstürme und alles Plündern und Brandschatzen weitgehend unbeschadet überstanden hatte. Wegen eines Erbstreits fielen Stadt und Festung nach dem Tode Gotthard Albrecht von Zedlitz‘ im Jahr 1700 pfandweise an den Hauptgläubiger, das Kloster Grüssau. Da die Burg nun weder bewohnt war noch ausreichend instand gehalten wurde, setzte ein schleichender Niedergang ein, der auch nach Übertragung an den preußischen Staat 1810, der sich nach dem Ersten Schlesischen Krieg des Jahres 1742 den größten Teil Schlesiens einverleiben konnte, nicht aufgehalten wurde. Dennoch führte Preußen immerhin die notwendigsten Maßnahmen durch, um den prächtigen Bau vorm Einsturz zu bewahren.

Im Zuge der preußischen Verwaltungsreform 1807 zur Kreisstadt erhoben, wurde Bolkenhain während der Befreiungskriege Quartier für preußische und russische Truppen. Viele Schriftsteller der deutschen Romantik wie der Oberschlesier Joseph von Eichendorff (1788-1857) stiegen auf die Anhöhe und verliehen dem Kastell, das zuvor Bolkenhainer Burg genannt wurde, schließlich die Bezeichnung Bolkoburg. Zudem rankte sich seit ehedem die Riesengebirgssage vom armen Webersohn Jacob Thau, der zum Hofnarren der Burg wurde, um die alten Gemäuer.

Beliebte Theaterfestspiele

Erst ab Ende des 19. Jahrhunderts wurden auf der Burg wieder Sicherungs- und Sanierungsarbeiten durchgeführt. 1923 wurde in einem Teil der Burg eine Jugendherberge sowie ein Heimatmuseum eingerichtet, später fanden Festspiele im Burghof statt. 1925 und 1926 zog Fedor Sommers Stück „Bolko“ zahlreiche Besucher an, ab 1936 fanden alljährlich in den drei Sommermonaten verschiedene Aufführungen statt, die erst 1943 eingestellt wurden. Im Sommer des Jahres 1942 bot die Freilichtbühne auf der Bolkoburg die Kulisse für Gerhart Hauptmanns Schauspiel „Der arme Heinrich“, das als Hommage an den großen deutschen Dichter anlässlich seines 80. Geburtstags am darauf folgenden 15. November gedacht war. Nach dem Krieg fiel Niederschlesien Polen zu. Zunächst darbte Bolkow, später entstanden einige Industriebetriebe, der Tourismus wurde wiederbelebt, doch auch nach dem Zusammenbruch des Kommunismus herrschte im Ort noch lange eine hohe Arbeitslosigkeit.

Diente den Burg einst den Dichtern der Romantik als Inspiration, nehmen deren Epigonen der Gothic-Szene das Kastell nun einmal im Jahr in ihren Besitz. Im Burghof kann man sich zwar während des Festivals bei allerlei Verköstigungs-, Klamotten- und Tonträgerständen eindecken, aber eine Kommerzialisierung wie sie bei vergleichbaren Veranstaltungen in Deutschland oder anderen westlichen Staaten anzutreffen ist, gibt es in Bolkow nicht.

Unschlagbar günstig

Schätzungsweise 80 Prozent der Besucher sind Polen, etwa 15 Prozent Deutsche, der Rest kommt aus anderen Staaten – junge Menschen, die trotz der leidvollen Geschichte keinerlei Ressentiments mehr gegeneinander hegen. Als Besucher aus Deutschland wird man überall herzlich aufgenommen, ob auf dem Festivalgelände, in den Bars und Clubs, den Geschäften, dem Campingplatz oder in der „Villa Elizabeth“, dem schönsten und erstklassig geführten Hotel am Ort.

Die Preise sind überall unschlagbar günstig – auch die Ticketpreise: Für das gesamte Wochenende zahlt man 270 Zloty (ca. 62 Euro), aber es gibt – anders als etwa beim Leipziger WGT – auch Tageskarten, für die man 160 Zloty (ca. 37 Euro) hinlegen muss. Der Vorverkauf ist zwar schon geschlossen, vor Ort bekommt man aber noch während des gesamten Festivals Karten.


Weitere Informationen unter: www.castleparty.com

Letzte Änderung am Dienstag, 02 August 2016 03:56
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