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Sonderausstellung im Husumer Storm-Haus

„Bürger auf Abwegen“: Das Verhältnis von Thomas Mann zu Theodor Storm

Donnerstag, 21 Juli 2016 17:53
Das Storm-Haus in Husum. Im Vordergrund ein Plakat zur Sonderausstellung „Bürger auf Abwegen“ Das Storm-Haus in Husum. Im Vordergrund ein Plakat zur Sonderausstellung „Bürger auf Abwegen“ Quelle: Valérie Cohène

Husum – Wer in diesem Jahr im Urlaub an die Nordsee fährt, sollte eine Stippvisite im Husumer Storm-Haus einplanen. In Zusammenarbeit mit dem Lübecker Buddenbrookhaus zeigt die Theodor-Storm-Gesellschaft in dem zum Museum umgestalteten einstigen Wohnhaus des Husumer Dichters eine sehenswerte Sonderausstellung, die sich mit dem Verhältnis von Thomas Mann zu Theodor Storm beschäftigt. Freilich haben sich die beiden großen norddeutschen Literaten niemals persönlich kennengelernt. Als Theodor Storm im Jahr 1888 verstarb, ging Thomas Mann noch zur Schule – übrigens auf das renommierte Lübecker Katharineum, das zuvor auch Storm besucht hatte –, mit seinem 1930 veröffentlichten Storm-Essay prägte der Literaturnobelpreisträger jedoch das Bild des Lyrikers aus der „grauen Stadt am Meer“ nachhaltig.

Thomas Mann wurde am 6. Juni 1875 als zweites von vier Kindern einer angesehenen Patrizier- und Kaufmannsfamilie in Lübeck geboren. Sein Vater Thomas Johann Heinrich Mann, Mitglied der Bürgerschaft und später Senator für Wirtschaft und Finanzen, hatte 1862 die von seinem Großvater gegründete Getreidehandelsfirma übernommen, seine Gattin Julia, geborene da Silva-Bruhns, war mütterlicherseits portugiesisch-brasilianischer Herkunft, ihr Vater Johann Ludwig Hermann Bruhns war 1837 von Lübeck nach Südamerika ausgewandert, um dort Zuckerrohr anzubauen.

Bürgerliche Existenz und Künstlerdasein

Zunächst als Erbe des väterlichen Unternehmens vorgesehen, besuchte „Tommy“, wie ihn seine Mutter liebevoll nannte, ab 1889 das Lübecker Katharineum, damals eines der angesehensten altsprachlichen Gymnasien im deutschen Sprachraum. Die Atmosphäre an der altehrwürdigen Lehranstalt empfand der junge Mann, anders als seinerzeit Theodor Storm, hingegen als bedrückend; in den „Buddenbrooks“ karikierte er sie später als „preußische Dienststrammheit“. Der Schüler litt unter den, wie er es später nannte, „Abrichtungsmethoden“ der „Anstalt“ und fand sich schon früh „in einer Art literarischer Opposition“ wieder, so als Herausgeber einer Schülerzeitschrift, die auf den Unmut der Lehrerschaft stieß.

Anders als Storm, der zeitlebens seinem Brotberuf als Jurist nachging, empfand Mann eine herkömmliche bürgerliche Existenz als dem Künstlerdasein unangemessen. Sein Vater nahm schon früh Abstand von der Idee, ihn mit der Fortführung des Familienunternehmens zu betrauen. Als Journalist, Verlagslektor und Versicherungsvolontär arbeitete Thomas Mann nur so lange, wie es aus finanziellen Gründen erforderlich war.

Mit dem Schöpfer des „Schimmelreiters“ hat sich der Lübecker Weltbürger mehrmals ausführlich befasst. Thomas Mann sagte von seinen frühen Gedichten, dass sie „unter dem Einfluss Storms und Heines“ geschrieben worden seien und verwies auf die 1849 von Storm verfasste Novelle „Immensee“, in der sich ein älterer Mann an seine unerfüllte Jugendliebe erinnert, als ein Werk, das „schon immer eine gewisse symbolische Rolle“ in seinem „Leben und Schreiben gespielt“ habe. In seinen Novellen „Der kleine Herr Friedemann“ (1897) und „Tonio Kröger“ (1903), aber auch in seiner 1918 veröffentlichten Streitschrift „Betrachtungen eines Unpolitischen“, die ihn kurzzeitig als Protagonisten der „Konservativen Revolution“ auswies, zieht Mann Theodor Storm vor allem als Gewährsmann für seine These heran, wonach der Künstler stets als ein – so auch der Titel der Husumer Sonderausstellung – „Bürger auf Abwegen“ erscheine.

Intensive „Heimatlichkeit“

In seinem Storm-Essay verliert Thomas Mann indes kein Wort mehr über Storms bürgerlichen Beruf, sondern grenzt den nordfriesischen Dichter ab gegen „alles schlaff Bürgerliche“, wie er es provozierend formulierte. Weil Storm für reines, bewusstes und selbstbewusstes Künstlertum stehe, kritisiere er so vehement jedweden Dilettantismus, meinte Mann, für den das Spannungsverhältnis von Künstlerdasein und Bürgerlichkeit inzwischen nicht mehr der entscheidende Grund war, sich mit Storm auseinanderzusetzen.

Hatte Mann in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ noch versucht, geistesgeschichtlich einen deutschen Sonderweg zu begründen, der sich von den demokratischen Traditionen Frankreichs, Englands und Amerikas abhebt, war er 1930 bei Abfassung seines Storm-Essays, den er später in die Sammlung „Leiden und Größe der Meister“ aufnahm, als Schriftsteller bereits fest etabliert, hatte ein Jahr zuvor den Literaturnobelpreis für seine „Buddenbrooks“ erhalten, vertrat liberale und demokratische Ansichten und betrachtete das Aufkommen des Nationalsozialismus mit großer Sorge.

Seine bürgerliche Herkunft konnte und wollte Thomas Mann nie verleugnen. Über sich selbst sagte er einmal: „Ich bin Städter, Bürger, ein Kind und Urenkelkind deutsch-bürgerlicher Kultur“. Er verstand sich jedoch – in Abgrenzung zum Bourgeois – auch als einen „geistigen Bürger“, und so sah er auch Storm, der für ihn nicht nur der „Repräsentant des deutsch-handwerklichen Kunstmeistertums“ war, der die „ethischen Charakteristika der bürgerlichen Lebensform“ auf das Künstlerische übertragen hatte, sondern auch ein „Artist“, der über die bürgerliche Lebenswelt hinausgriff. Beide Schriftsteller befanden sich nach dieser Vorstellung, um es mit „Tonio Kröger“ zu sagen, „zwischen den Welten“, und aus dieser vermuteten Seelenverwandtschaft heraus hat auch Mann seinen Storm-Essay geschrieben.

Mit seinem Text hat Thomas Mann das Storm-Bild in Deutschland seinerzeit regelrecht revolutioniert. Er spricht von der „Heimatliebe“, ja sogar „Heimatbefangenheit“ und „Heimatmanie“ Storms, die sein eher weltmännisch und großstädtisch geprägter Zeitgenosse Theodor Fontane ein wenig hochnäsig „Husumerei“ nannte, stellt aber ebenso fest: „Um seine Heimatlichkeit ist es etwas dichterisch Sonderbares, der Philister könnte sie hysterisch finden, sie ist wesentlich Sehnsucht, Nostalgie, ein Heimweh, das durch keine Realität zu stillen ist, denn sie richtet sich durchaus aufs Vergangene, Versunkene, Verlorene.“

Vorkämpfer einer freien Sexualmoral?

Storms Sinnlichkeit habe sich, so Mann, „nicht nur als innige Naturverbundenheit“ und „vegetative Sympathie“ geäußert, sie trete auch „in seinen Liebesgedichten, teils hell und freudig, teils als beklommene Süße und Schwüle, das Sündige poetisierend“ hervor. Der verheiratete und mit sechs Kindern gesegnete Thomas Mann, der erst im Alter einräumen sollte, dass die Empfänglichkeit für die Reize junger Männer ein nicht unwesentlicher Antrieb seines literarischen Schaffens war, setzte auch als einer der ersten die Bedeutung von Storms Vorliebe für wesentlich jüngere Frauen in Beziehung zu dessen Werk, das insofern an die Idealisierung der „Kindfrau“, wie sie sich etwa in den romantischen Dichtungen von Novalis zeigte, anschloss.

Storm ehelichte 1844 seine damals 19-jährige Cousine Constanze Esmarch, die 1865 bei der Geburt ihres siebten Kindes starb. Schon im folgenden Jahr heiratete er eine elf Jahre jüngere Frau, in die er sich jedoch höchstwahrscheinlich schon kurz nach seiner ersten Eheschließung verliebt hatte. Mann schreibt über diese Episode in seinem Essay: „Sie heißt Dorothea Jensen und kommt eines Tages während seiner Brautzeit, als dreizehnjähriges Mädchen, eine feine zarte Blondine, zusammen mit seiner Schwester Cäcilie auf sein Zimmer, wobei er mit Betroffenheit gewahr wird, dass dies Kind ihn liebt und dass sie auch ihrerseits ‚seinen eigentümlichen Reiz‘ auf ihn ausübt.“

Ob Storm wirklich als Vorreiter einer liberalen Sexualmoral angesehen werden kann, wie es Thomas Mann andeutet, ist zweifelhaft. Auch die Ausstellungsmacher zeigen sich hier skeptisch. Auf zahlreichen Schautafeln weisen sie immer wieder auf interessante Verbindungslinien zwischen Mann und Storm hin, setzen ihre Lebensläufe gegeneinander, arbeiten Gemeinsamkeiten heraus und verdeutlichen die literarische Rezeption des Husumers durch den Lübecker. Das ohnehin empfehlenswerte Storm-Haus wird durch die Schau zu einem für Literaturfreunde besonderen und erkenntnisreichen Erlebnis. Die Ausstellung „Bürger auf Abewegen“ wurde erst vor kurzem verlängert und ist noch bis zum 31. Oktober 2016 im Storm-Haus in der Wasserreihe 31 in Husum zu besichtigen.

Weitere Informationen unter: http://www.storm-gesellschaft.de/museum/ausstellungen/buerger-auf-abwegen-thomas-mann-und-theodor-storm

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