Login

sachsen-depesche.de

Freigegeben in Interview

Interview mit dem Vorsitzenden des Tourismusverbandes Dresden e.V.

Johannes Lohmeyer (TVD): „Reisen werden nicht von Wahlergebnissen abhängig gemacht“

Donnerstag, 15 September 2016 21:18
Johannes Lohmeyer (TVD) Johannes Lohmeyer (TVD)

Dresden – Der Tourismus in Dresden schwächelt, die Übernachtungszahlen stagnieren. In Politik und Verbänden herrscht zwar Einigkeit darüber, dass dagegen etwas getan werden muss, doch über die Gründe für die Tourismusflaute ist man sich überhaupt nicht einig. Die Erklärungsansätze reichen von Pegida über die Bettensteuer bis zur allgemeinen Sicherheitslage. SACHSEN DEPESCHE hat beim Vorsitzenden des Tourismusverbandes Dresden (TVD), Johannes Lohmeyer, nachgefragt, wo die Ursachen liegen, ob wegen Pegida und der AfD die Urlauber wegbleiben und was getan werden muss, um den Tourismus in Dresden wieder anzukurbeln.

SACHSEN DEPESCHE: Herr Lohmeyer, nachdem es Anfang des Jahres so aussah, als würde es mit dem Tourismus in Dresden wieder bergauf gehen, zeigen die aktuellen Halbjahreszahlen eine Stagnation bzw. sogar einen leichten Rückgang der Übernachtungszahlen im Vergleich zum ersten Halbjahr 2015. Dresdens Kultur- und Tourismusbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke) macht für die Tourismusflaute vor allem Pegida verantwortlich, deren Anhänger jeden Montag durch die Innenstadt ziehen. Schadet Pegida dem Tourismus in Dresden?

Johannes Lohmeyer: Hier sind wir als Branche dezidiert anderer Meinung als Frau Klepsch. Wir als Branche haben massive Beschwerden und auch konkrete Absagen wegen der Bettensteuer und nur wenige wegen der Pegida-Demonstrationen. Auch der OB gibt an, etwa gleich viele Beschwerden über Bettensteuer und Pegida in seinem Posteingang zu haben. Genau belegen lässt sich ein Schaden durch Pegida nicht, ein Touristenmagnet ist Pegida gewiss aber auch nicht.

SACHSEN DEPESCHE: Bettina Bunge von der stadteigenen Dresden Marketing GmbH hat sich ähnlich geäußert, in einer kleinen, aber nicht unbedeutenden Nuance unterscheidet sich ihre Aussage jedoch von jener Klepschs. Sie spricht nämlich davon, dass wegen „der über einen längeren Zeitraum stattgefundenen negativen Berichterstattung über Dresden“ der Stadt ein Imageschaden entstanden sei, betreibt also eher Medien- als Pegida-Schelte. Liegt sie damit richtig?

Johannes Lohmeyer: Das sehen wir genau wie Frau Dr. Bunge. Pegida ist zunächst mal eine Demonstration auf dem Boden des Grundgesetzes. Die Inhalte müssen uns nicht gefallen, aber eine Demokratie muss das aushalten. Es bleibt gewaltfrei, ganz anders als die regelmäßigen linksradikalen Krawalle in Leipzig oder Hamburg, die meistens etliche zum Teil schwer verletzte Polizisten und Sachschäden in Größenordnung hunderttausender Euro verursachen. Die Medien skandalisieren aber das eine und berichten allenfalls am Rande über das andere. Ich empfinde die Berichterstattung über Dresden im Besonderen, aber auch über ganz Sachsen als tendenziös und zum Teil journalistisch unanständig. Dies hat zu einem massiven Imageschaden Dresdens im Inland geführt. Die Übernachtungen aus dem Ausland nehmen zu, und ich werde auf Reisemessen im Ausland nicht auf Pegida oder die AfD angesprochen. Wohl spricht man mich im Ausland aber auf Schritt und Tritt darauf an, ob die Sicherheit für Touristen aufgrund der unkontrollierten Massenzuwanderung noch gewährleistet ist. Eine Frage, die ich nach der Silvesternacht, den Attentaten von Ansbach und Würzburg und inzwischen leider regelmäßigen Übergriffen auf nahezu jedem großen Volksfest nur noch bedingt mit ja beantworten kann.

SACHSEN DEPESCHE: Sie sind selbst Hotelier. Gab es bei Ihnen denn Stornierungen wegen Pegida in nennenswerter Zahl oder ist Ihnen sowas aus dem Kreis Ihrer Kollegen bekannt?

Johannes Lohmeyer: Bei uns gab es diesbezüglich Nachfragen, aber keine Absagen. Mitglieder unseres Verbandes berichten aber sehr wohl von Absagen. Insbesondere scheuen große Unternehmen gerade vor Veranstaltungen in Dresden zurück, da sich ein positives Image des Unternehmens nur schwer mit dem derzeit angeschlagenen Image Dresdens vereinbaren lässt.

SACHSEN DEPESCHE: Tourismusverbände in Mecklenburg-Vorpommern haben nach dem Landtagseinzug der AfD vor einem Schaden für den Tourismus gewarnt. Insbesondere auf der beliebten Ferieninsel Usedom, wo die AfD 31,5 Prozent geholt hat, sind die Befürchtungen groß. In Sachsen gab es zehn Jahre lang eine NPD im Landtag, regelmäßig wurde auch hier vor einem Schaden für den Tourismus gewarnt, was sich durch die Zahlen jedoch nie belegen ließ. Haben solche politischen Umstände am Ende gar keinen Einfluss auf die Urlaubsentscheidung der Gäste?

Johannes Lohmeyer: Ich kann diese Befürchtungen nicht zuletzt als Eigentümer von Ferienimmobilien in Mecklenburg-Vorpommern nicht teilen. Es widerspricht auch jeder Erfahrung, dass Reiseentscheidungen von Wahlergebnissen abhängig gemacht werden. Sonst wäre ja der Frankreich-Tourismus zusammengebrochen, hätte Kärnten unter Herrn Haider einen Einbruch der Übernachtungszahlen erlitten oder wäre – wie Sie richtig anmerken – der Tourismus in Sachsen nach 2004 rückläufig. Ich halte die Äußerungen der Verbandskollegen in Mecklenburg-Vorpommern auch für unglücklich, da solche Statements schnell zur Self Fullfilling Prophecy werden können.

SACHSEN DEPESCHE: Während die Zahl der Dresden-Gäste aus dem Inland laut der aktuellen Halbjahresbilanz um zwei Prozent abgenommen hat, ist, wie Sie schon erwähnt haben, bei den ausländischen Dresden-Besuchern mit 7,7 Prozent erstmals wieder ein kräftiger Aufschwung zu beobachten. Die Zahl der Gäste aus Russland nahm allerdings erneut ab, und zwar um 18 Prozent. Der Verband der sächsischen Wirtschaft (VSW) fordert von der Politik eine Aufhebung der Sanktionen gegen Russland, da diese den ansässigen Unternehmen schadeten. Schließen Sie sich – mit Blick auf die stetig sinkende Zahl der Touristen aus Russland – dieser Forderung an?

Johannes Lohmeyer: Uns fehlen in der Tat auch in Dresden 40.000 bis 50.000 Übernachtungen aus Russland. Ursache hierfür sind aber nicht die Sanktionen, die man eher als Sanktiönchen bezeichnen kann und die ja auch auf Gegenseitigkeit beruhen. Russland leidet unter einer schwächelnden Wirtschaft, stagnierenden Öl- und Gaspreisen und damit auch unter einem Kaufkraftverlust, der Reisen nach Deutschland extrem verteuert. Dresden hält und pflegt sehr enge Kontakte, insbesondere zu unserer Partnerstadt St. Petersburg. Daher trifft uns die Russland-Krise auch deutlich weniger als andere deutsche Destinationen.

SACHSEN DEPESCHE: Sie selbst sehen vor allem die seit Juli letzten Jahres in Dresden erhobene Beherbergungssteuer als Tourismuskiller an. Pro Übernachtung wird, je nach Zimmerpreis, zwischen einem und sieben Euro fällig. Meinen Sie, dass ein solcher, doch verhältnismäßig geringer Betrag Gäste, die in Dresden die Semperoper besuchen oder sich die Frauenkirche ansehen wollen, wirklich davon abhält?

Johannes Lohmeyer: Dresden ist aufgrund seiner Fokussierung auf inländische Touristen, fehlendes Geschäftsreise- und Kongressgeschäft und dem Überangebot an Betten ein extrem preissensibler Markt. Und auf diesen trifft die zweithöchste Bettensteuer Deutschlands mit voller Wucht. Sie schadet uns mehr, als sie z.B. einem hochpreisigen Markt wie München schaden würde. Hinzu kommt das extrem umständliche Handling für Geschäftsreisende. Wir nehmen aber wahr, dass es hier eine gewisse Bereitschaft der Stadtspitze und des Stadtrates gibt, nachzubessern und insbesondere eine Welcome-Card einzuführen. Das wird dieses Problem für uns massiv entschärfen.

SACHSEN DEPESCHE: Die vormals in Dresden eingeführte Kurtaxe wurde 2014 vom Oberverwaltungsgericht Bautzen gekippt. Nach der Einführung der Bettensteuer haben Sie gesagt: „Wir gehen davon aus, dass wir diesen Unfug gerichtlich stoppen können.“ Warum hört man nichts mehr davon?

Johannes Lohmeyer: Es gibt eine Klage gegen die Bettensteuer. Wir hoffen natürlich, dass diese Erfolg haben wird und wir dann zu einer fairen Tourismusabgabe kommen werden, die auch der Branche nützt.

SACHSEN DEPESCHE: Was kann Dresden sonst noch tun, um wieder attraktiver für Touristen zu werden?

Johannes Lohmeyer: Dresden muss mehr Geld für das chronisch unterfinanzierte Stadtmarketing ausgeben. Die Bereitschaft gibt es inzwischen, auch wenn das mehr ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Wir müssen mehr große Kongresse in die Stadt ziehen und mehr touristische Reiseanlässe schaffen. Und die Anbindung Dresdens per Bahn und Flughafen muss sich spürbar verbessern.

SACHSEN DEPESCHE: Vermittler von privaten Unterkünften wie Airbnb drängen verstärkt auf den Markt und werden zunehmend zu einer Konkurrenz für die klassischen Beherbergungsbetriebe. Gegenüber dem „Focus“ haben Sie erklärt, dass allein in Dresden pro Jahr etwa 300.000 von der amtlichen Statistik nicht erfasste Übernachtungen in Privatunterkünften vermittelt würden. Das relativiert die Zahlen der Halbjahresbilanz ja in einem nicht unerheblichen Maße. Müsste es Sie als Tourismusverbandschef nicht freuen, dass nach Dresden effektiv doch mehr Gäste kommen, auch wenn diese für ihren Aufenthalt kein Hotel buchen, sondern privat unterkommen?

Johannes Lohmeyer: Wir freuen uns über jeden Gast, der in die Stadt kommt. Aber die geschätzt 300.000 Übernachtungen über Airbnb und andere Portale tragen nichts zur Wertschöpfung in der Stadt bei und belasten zusätzlich die klassischen Anbieter, die unter völlig anderen Bedingungen ihre Leistungen vertreiben. Hier sehen wir eine Marktverzerrung, die dauerhaft nicht akzeptabel ist.

SACHSEN DEPESCHE: Sie fordern ein Zweckentfremdungsverbot für privaten Wohnraum nach dem Vorbild Berlins, womit sich das Geschäftsmodell von Airbnb & Co. quasi erledigt hätte. Das mag für Hotelbetriebe gut sein, insgesamt schadet es aber doch dem Tourismus, wenn vor allem junge Leute, die sich keine Hotelübernachtungen leisten können, dann wegbleiben. Solche Gäste geben das eingesparte Geld womöglich an anderer Stelle aus, etwa in der Gastronomie.

Johannes Lohmeyer: Ob diese Gäste das „gesparte Geld“ anderweitig ausgeben, ist hypothetisch. Wir gehen eher davon aus, dass sie sich selbst verpflegen und auch eher weniger die Kultureinrichtungen nutzen. Sie nutzen aber sehr wohl die von uns mitfinanzierte Infrastruktur der Stadt, ohne dazu beizutragen.

SACHSEN DEPESCHE: Sie sind ja nicht nur Hotelier und Tourismusverbandschef, sondern auch ein bekannter FDP-Kommunalpolitiker. Daher kommen wir natürlich nicht um die Frage herum, wie sich die Forderung nach staatlicher Regulierung mit Ihren politischen Überzeugungen verträgt. Sehen Sie da keine Diskrepanz?

Johannes Lohmeyer: Die FDP tritt als Rechtsstaatspartei für Chancengleichheit ein. Und für freie Märkte. Damit verträgt sich ein einseitig regulierter und damit chancenverzerrter Markt nur schwerlich.

SACHSEN DEPESCHE: Abschließend eine persönliche Frage: Sie sind, wie man auch anhand Ihres Facebook-Profils sehen kann, viel in der Welt unterwegs. Wenn Sie einmal vergleichen: Wie schneidet Deutschland aus Ihrer Sicht im Vergleich zu anderen Ländern in puncto Gastfreundschaft und Service ab?

Johannes Lohmeyer: Deutschland ist ein weltweit äußerst beliebtes Reiseziel. Wir haben eine extrem hohe Servicequalität, die nicht zuletzt den sehr guten Ausbildungsstandards geschuldet ist. Nicht zuletzt werden viele der weltweiten Top-Hotels von Deutschen geführt. Hinzu kommt ein äußerst niedriges Preisgefüge. Wir können als Hoteliers in Dresden, Frankfurt oder Düsseldorf von Hotelpreisen unserer Kollegen in London, Amsterdam oder Zürich nur träumen. Das ist schlecht für uns und unsere Mitarbeiter, macht Deutschland aber neben seiner Qualität und Vielseitigkeit aber auch zu einem ungebremst sehr attraktiven Reiseziel mit erfreulich hohen Zuwächsen. Ein Entwicklungsland sind wir im Vergleich zu vielen internationalen Mitbewerbern in Sachen Netzausbau. Das muss die Hauptaufgabe jeder künftigen Regierung sein. Für unsere Branche bedeutet dies, dass ein kostenfreies, leistungsfähiges WLAN in unseren Hotels ebenso selbstverständlich sein muss wie kostenfreies Duschen und der kostenfreie Wechsel der Handtücher.

SACHSEN DEPESCHE: Herr Lohmeyer, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Zur Person: Johannes Lohmeyer wurde 1964 Eslohe (Hochsauerland) geboren. Nach dem Abitur studierte er von 1984 bis 1988 Pädagogik und war danach in verschiedenen Unternehmen in leitender Position tätig, so bei McDonald’s Deutschland, den Albeck & Zehden Hotels oder der Bast Bau Gruppe. Im Jahr 1996 wechselte er zur GILDE Gruppe und leitet heute als Geschäftsführer die Macrander Hotels GmbH & Co. KG in Dresden (Holiday Inn, Best Western). Seit 2014 amtiert er als Vorsitzender des Tourismusverbandes Dresden e.V. (TVD). Politisch engagiert sich der begeisterte Gleitschirmflieger bei der FDP und ist außerdem Mitglied in der Bundesvereinigung Liberaler Mittelstand, der Hotel Sales and Marketing Association sowie der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

Artikel bewerten
(5 Stimmen)
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten