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Interview mit der Bundesvorsitzenden der Alternative für Deutschland

Frauke Petry (AfD): „Wir bieten eine Therapie gegen Euro- und Einwanderungskrise an“

Samstag, 01 Oktober 2016 11:36
Frauke Petry, AfD Frauke Petry, AfD Quelle: AfD

Dresden – Die AfD befindet sich nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin weiter im Aufwind. Laut der letzten Allensbach-Umfrage würde die Partei bei der Bundestagswahl derzeit auf 12,5 Prozent kommen, Emnid und Forsa sehen sie sogar bei 14 Prozent. Auch in Sachsen, wo die Partei vor zwei Jahren mit 9,7 Prozent in den Landtag eingezogen war, wäre nach Ansicht von Politikwissenschaftlern derzeit ein zweistelliges Ergebnis zu erwarten.

SACHSEN DEPESCHE hat sich mit der sächsischen AfD-Landes-, Fraktions- und Bundeschefin Frauke Petry unterhalten – über die derzeitige Erfolgssträhne ihrer Partei, ihre politischen Ambitionen und über Themen, die auch innerhalb der Partei umstritten sind.

SACHSEN DEPESCHE: Frau Dr. Petry, die AfD eilt derzeit von Wahlerfolg zu Wahlerfolg. Nach dem Einzug in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern und ins Berliner Abgeordnetenhaus ist Ihre Partei in zehn von 16 Landesparlamenten. Das freut Sie natürlich, doch bringt ein derart schnelles Wachstum nicht auch Probleme mit sich? Immerhin entsteht so ja ein enorm großer Personalbedarf, was bei einem AfD-Einzug in den Bundestag 2017 noch einmal ganz neue Dimensionen annehmen würde.

Frauke Petry: Ja, aber das sind letztlich, wie Sie ja sagen, erfreuliche Probleme. Und wir haben, was die Mitglieder angeht, noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht.

SACHSEN DEPESCHE: Seit den Grünen, die hier die große Ausnahme sind, hatten neue Parteien immer eine recht kurze Halbwertzeit. Auf den Höhenflug folgte stets ein tiefer Fall. Man denke an die Republikaner Anfang der neunziger Jahre, die Schill-Partei Anfang der 2000er oder zuletzt die Piraten. Was macht Sie so sicher, dass die AfD nicht das gleiche Schicksal ereilen wird?

Frauke Petry: Die Erfolgskurve der AfD verläuft analog zur Fieberkurve der Gesellschaft. Wir sind die einzige Partei, die gegen die Einwanderungskrise und die Eurokrise eine Therapie anbietet. Die anderen Parteien verweigern ja wegen absurder Sprachreglungen sogar die Diagnose. Da sie aber, um im Bild zu bleiben, die diensthabenden Ärzte stellen, wird Fieberkurve steigen und steigen – bis man sich händeringend an den einzigen Therapeuten wendet. Der AfD steht also eine große Zukunft bevor.

SACHSEN DEPESCHE: Mit zunehmenden Erfolgen stellt sich natürlich auch die Frage nach Übernahme politischer Verantwortung. Ihr Vize Alexander Gauland hat noch am Wahlabend in Schwerin eine Koalition mit der CDU kategorisch ausgeschlossen. Bei Herrn Meuthen oder Ihnen hört sich das nicht ganz so ablehnend an. Inzwischen hat sich sogar der frühere CDU-Bundesgeschäftsführer und Wahlkampfmanager von Helmut Kohl, Peter Radunski, in einem Beitrag für ein neues Buch dafür ausgesprochen, dass die Union der AfD Koalitionsangebote machen sollte – freilich nicht als Goodwill-Aktion, sondern um Ihre Partei gewissermaßen zu „zivilisieren“. Wie lange können Sie Ihre Wähler noch hinhalten und sich auf die bequeme Oppositionsrolle zurückziehen?

Frauke Petry: Opposition heißt auch: in die Lehre gehen. Wir sind ja eine sehr junge Partei. Aber wir lernen schnell, und ich meine, dass wir so schnell wie möglich auch Regierungsverantwortung übernehmen sollten, denn viel Zeit bleibt unserem Land nicht. Wir werden allerdings nicht als Juniorpartner in eine Koalition gehen und uns einhegen und kompromittieren lassen. Unsere Kernforderungen – Schließung der Grenzen, Rückführung der illegal Eingereisten, Euroausstieg, schrittweiser Rückbau der EU, Familienpolitik für mehr Kinder und vernünftige Energiepolitik – sind nicht verhandelbar.

SACHSEN DEPESCHE: Innerhalb Ihrer Partei gibt es verschiedene Strömungen, die teilweise recht unterschiedliche Ansichten haben. Auch die Frage des Umgangs mit der sogenannten „Identitären Bewegung“, die von verschiedenen Landesämtern und neuerdings auch vom Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet wird, ist hierwohl ein Streitpunkt. Offiziell distanziert sich die AfD von den „Identitären“, doch zumindest einem Ihrer neuen Abgeordneten im hohen Norden werden gute Kontakte zu dieser Gruppierung nachgesagt. Der Chef der „Identitären“ in Meck-Pomm gab auf der Wahlparty in Schwerin Interviews, und sogar die junge Dame aus Halle, deren Replik auf den Anti-AfD-Song von Jennifer Rostock in Zwanziger-Jahre-Ästhetik sich bei YouTube und Facebook hoher Klickzahlen erfreut, hatte dort einen Live-Auftritt. Auch diese Dame und ihr Begleiter am Klavier gehören zur „Identitären Bewegung“. Nach allzu schroffer Abgrenzung sieht das nicht gerade aus, oder?

Frauke Petry: Wir haben gesagt, es gibt keine politische Zusammenarbeit. Das heißt nicht, dass wir es mit „Unberührbaren“ zu tun haben. Schauen Sie mal, mit welchen Extremisten sich SPD und Grüne einlassen, wenn sie angeblich „gegen rechts“ kämpfen. Wir sind freie Menschen in einer freien Partei, wir beschäftigen gewiss keine interne Stasi, die kontrolliert, wer auf unsere Veranstaltungen kommt, und wir führen keine Listen, mit wem Abgeordnete Kontakte unterhalten.

SACHSEN DEPESCHE: Im Frühjahr verkündete Ihr bayerischer Landesvorsitzender Petr Bystron eine „Blaue Allianz“ mit der FPÖ aus Österreich. Außer einem gemeinsamen Auftritt mit FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache in Düsseldorf und einem Fotoshooting auf der Zugspitze hat man jedoch noch nicht viel von dieser „Blauen Allianz“ mitbekommen. Welche Formen soll das AfD-FPÖ-Bündnis künftig annehmen?

Frauke Petry: Es gibt regelmäßige Kontakte und Kooperation auf der Arbeitsebene.

SACHSEN DEPESCHE: Diese Frage stellt sich natürlich auch deshalb, weil Ihre beiden verbliebenen AfD-Abgeordneten im Europaparlament unterschiedlichen Fraktionen angehören. Herr Pretzell hat sich der EAF-Fraktion angeschlossen, in der sich neben der FPÖ beispielsweise auch die Wilders-Partei PVV und Marine Le Pen mit ihrem Front National wiederfinden, Frau von Storch gehört zur EFD-Fraktion um den vormaligen UKIP-Chef Nigel Farage. Wie ist dieser außergewöhnliche Umstand zu erklären?

Frauke Petry: Er eröffnet uns ein weites Feld an politischen Kontakten ins Ausland.

SACHSEN DEPESCHE: Wo sehen Sie weitere Bündnispartner für die AfD, etwa in den mittel- und osteuropäischen Ländern?

Frauke Petry: Da gibt es einige, die wir bereits auf Ebene des EU-Parlaments pflegen und sicher in den kommenden Jahren ausbauen werden.

SACHSEN DEPESCHE: Zählt für Sie die im Europaparlament isolierte ungarische Jobbik-Partei, der zwei Ihrer sächsischen Fraktionskollegen kürzlich einen Besuch abgestattet haben, auch zu diesen potenziellen Bündnispartnern?

Frauke Petry: Nein.

SACHSEN DEPESCHE: In Sachsen häufen sich die Übergriffe auf Abgeordnetenbüros Ihrer Partei. Zuletzt traf es Ihren Fraktionskollegen Carsten Hütter, dessen Büro in der Chemnitzer Innenstadt zum wiederholten Male attackiert wurde. Im August gab es in Leipzig in nur einer Nacht vier Anschläge auf Büros von AfD-Politikern. Sie selbst sind davon auch betroffen: Ihr Auto wurde angezündet und brannte aus. Haben Landesregierung und Behörden in Sachsen den Fokus zu lange auf den Rechtsextremismus gelegt, statt auch ein Auge auf den linken Extremismus zu werfen?

Frauke Petry: Ja, natürlich haben sie das. Wenn man sich beispielsweise anschaut, dass der Bundesjustizminister im Internet sogenannte Hasssprache verfolgen lässt, aber Netzportale wie Indymedia unbehelligt bleiben, wo sich Linksextremisten mit ihren Anschlägen brüsten und die nächsten verabreden, kann man den Eindruck gewinnen, dass es sogar so gewollt ist. Die Antifa als Bodentruppe gegen Dunkeldeutschland.

SACHSEN DEPESCHE: Abschließend eine Frage mit Ausblick auf die Bundestagswahl 2017. Laut Umfragen kann die AfD den Sprung in den Bundestag mit einem zweistelligen Ergebnis schaffen. Ungeklärt ist aber nach wie vor, wer als Spitzenkandidat ins Rennen geht. Wann kann man hier mit einer Entscheidung rechnen? Wäre es nicht ratsam, dass Sie als Parteivorsitzende und mit Abstand bekanntestes Gesicht der AfD möglichst frühzeitig Ihren Anspruch auf die Spitzenkandidatur anmelden – und so auch mögliche Kontrahenten, denen entsprechende Ambitionen nachgesagt werden, zwingen, Farbe zu bekennen?

Frauke Petry: Wenn die Partei dazu Neuigkeiten zu vermelden hat, werden Sie davon hören. Bis dahin bitte ich um etwas Geduld.

HESSEN DEPESCHE: Frau Dr. Petry, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Zur Person: Frauke Petry wurde am 1. Juni 1975 in Dresden geboren. Nach dem Abitur studierte sie als Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes von 1995 bis 1998 Chemie an der University of Reading (Bachelor of Science) und anschließend von 1998 bis 2000 an der Georg-August-Universität Göttingen (Diplom). 2004 wurde sie am Göttinger Institut für Pharmakologie und Toxikologie mit einer Dissertation über die „Charakterisierung eines neuen ATP-binding-cassette-Transporters aus der ABCA-Subfamilie“ mit magna cum laude promoviert. Von 1998 bis 2001 war Petry Vorstandsmitglied des Jungchemikerforums der Gesellschaft Deutscher Chemiker, von 1998 bis 1999 dessen Bundessprecherin.

Im Jahr 2007 gründete Petry in Leipzig das Unternehmen PURinvent GmbH, dessen Geschäftsführerin sie bis 2014 war. Das Unternehmen ging 2013 insolvent, wurde 2014 von einem süddeutschen Investorenkonsortium erworben und in PURinvent System GmbH umbenannt. Petry blieb bis Anfang 2016 Geschäftsführerin. Für ihre unternehmerische Tätigkeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Mitteldeutschen Innovationspreis (2008), dem Sächsischen Gründerinnenpreis (2011) und dem Bundesverdienstorden (2012).

Politisch engagierte sich Petry zunächst in der CDU und dann als sächsische Landesbeauftragte der Wahlalternative 2013. Auf dem Gründungsparteitag der AfD 2013 in Berlin wurde sie neben Bernd Lucke und Konrad Adam als Bundessprecherin gewählt. Im Jahr 2015 wurde sie in Essen neben Jörg Meuthen wiedergewählt, Parteigründer Lucke trat daraufhin aus der AfD aus. Seit 2014 ist sie Landtagsabgeordnete in Sachsen sowie Vorsitzende der AfD-Fraktion im Sächsischen Landtag. Im Parlament ist sie Mitglied mehrerer Ausschüsse, unter anderem des im Haushalts- und Finanzausschusses. Frauke Petry hat 4 Kinder, lebt von ihrem Mann getrennt und ist mit dem AfD-Europaabgeordneten Marcus Pretzell liiert.

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